2. Besteuerung, Wohlfahrt und Institutionen

2.1 Besteuerungstheorien im Vergleich

2.2 Die wohlfahrtsökonomische Besteuerung

2.3 Die Besteuerung im Steuerstaat (BRENNAN, BUCHANAN)

2.4 Grenzen des Steuerstaates: Steuerhinterziehung, Schattenwirtschaft und Steuerflucht

2.5 Literatur Besteuerung in den Finanzwissenschaften

 

11.1 Besteuerungstheorien im Vergleich

Ziel einer jeden Besteuerungstheorie ist die Ausgestaltung eines optimalen, rationalen Steuersystems.

Hierbei haben sich zwei wesentliche Theorieansätze herausgebildet:

11.1.1 Die wohlfahrtsökonomische Steuertheorie

  • Orientierung an den Kosten wie etwa

    • excess burden (Mehrbelastung, Zusatzlast)

    • Verwaltungskosten (Bürokratiekosten)

    • Erhebungskosten

    • Nutzenverlust beim Individuum (-> Konsumentenrente)

  • Staat als wohlwollender, allwissender Diktator mit dem Ziel, Wohlfahrtsverluste durch Besteuerung zu minimieren bzw. allgemein die Wohlfahrt durch Bereitstellung Öffentlicher Güter zu maximieren; Ziel sei die Entwicklung von Effizienzregeln ("Marginalbedingungen"), die eine wohlfahrtsoptimale Besteuerung sicherstellen

  • Wohlfahrt sei eine rechnerisch erfassbare Größe

11.1.2 Der "public-choice" orientierte Theorieansatz:

  • Grundlegende Frage: Wie kommt die Besteuerung im politischen Prozess zustande?; Antworten liefern Modelle für Entscheidungen über Steuern bzw. Steuersätze in der Realität sowie Modelle bezüglich der Auswirkungen auf bzw. Reaktionen von Individuen

  • Staat ist nicht der wohlwollende Diktator, sondern handelt nach dem zugrunde gelegten "ökonomischen Verhaltensprinzip" als Einnahmen-Maximierer, um seine grenzenlosen Ausgaben wünsche zu realisieren ("Leviathan - Hypothese")!

  • Effizienzregeln aus wohlfahrtsökonomischer Sicht taugen nichts, da sie im politischen Prozess sowieso nicht zustande kommen bzw. umgesetzt werden

  • "public-choice" orientierte Ansatz verzweigt je nachdem, wie die Staatsverfassung zustande kommt, in die evolutorische oder die konstitutionelle Sichtweise

 

11.1.3 Vergleich Besteuerungstheorien

Der Zusammenhang zwischen wohlfahrtsökonomischer Sicht und "public-choice" orientierter Sicht kann wie folgt aufgezeigt werden:

Der wohlfahrtsökonomische Ansatz einer Steuertheorie

  • Exogene Ausgaben

  • Finanzbedarf

  • Wohlwollender Diktator

  • Rationales Steuersystem als Ergebnis

 

Der "public-choice" orientierte Theorieansatz:

  • Besteuerung

  • Budget

  • Politiker

  • Steuerverfassung als Ausgangspunkt

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11.2 Die wohlfahrtsökonomische Besteuerung

11.2.1 Die Wohlfahrtskosten von Steuern und Subventionen

Die Wohlfahrtsökonomie sieht in der Besteuerung eine indirekte Belastung der Individuen, z. B. Steuer auf Zigaretten -> Einschränkung des Konsums -> Verzerrung bei den Konsumpräferenzen!

 

11.2.1.1 Wohlfahrtskosten im 1-Güter-Fall

-> Fall: (spezielle) Konsumsteuer, z. B. Steuer t auf Liter Wein

Durch die Konsumbesteuerung wird ein "Keil zwischen Angebot und Nachfrage" geschoben. Aus wohlfahrtsökonomischer Sicht kommt die Überschussbelastung dadurch zustande, dass der Verlust an Konsumentenrente nicht durch den gleichzeitigen Zugewinn an Steuereinnahmen kompensiert wird. Es entstehen also Wohlfahrtsverluste für die Gesellschaft.

Anhand des HARBERGER - Theorems können diese auch numerisch bestimmt werden.

--> HARBERGER - Theorem:

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11.2.1.2 Wohlfahrtskosten im Zwei-Güter-Fall

Fall 1:

Der Staat erhebt eine Pauschalsteuer, d.h. eine Steuer, bei der die Steuerzahlung unabhängig vom Verhalten des Steuerzahlers erhoben wird, der damit keine Möglichkeit hat, deren Höhe zu beeinflussen; Pauschalsteuer auch Kopfsteuer ("qua Existenz"); Betrachtung zweier Konsumgüter; CETERIS PARIBUS (c.p.) keine Freizeit, Ersparnis = 0.

Die Wirkungen werden im Rahmen einer Indifferenzkurvenanalyse diskutiert:

Die Erhebung einer "lump-sum-tax" hat die Wirkung einer Einkommenssenkung, was sich in der Verschiebung der Budgetgeraden nach innen (graphisch) äußert, das Individuum realisiert damit ein niedrigeres Nutzenniveau.

==> Keine Verzerrung durch die Pauschalsteuer!

Aus obiger Überlegung folgt, dass eine Pauschalsteuer die Konsumentscheidungen nicht verändert (Preisverhältnis vor- und nachher bleibt gleich); damit kein "excess burden".

 

Fall 2:

Der Staat erhebt eine selektive Verbrauchssteuer auf ein Gut X; unter sonst gleichen Bedingungen, insbesondere der Annahme, dass der gleiche Steuerertrag wie im Fall 1 erzielt werden soll (!). Die Wirkung einer selektiven (speziellen) Verbrauchsteuer zeigt sich graphisch in einer Drehung der Budgetgeraden nach innen; auch hier realisiert das Individuum ein niedrigeres Nutzenniveau als vor der Besteuerung, das jedoch noch niedriger als im Fall der Kopfsteuer ist. In diesem niedrigeren Nutzenniveau kommt der excess burden zum Ausdruck. Dieser ist auf einen Substitutionseffekt zurückzuführen, der durch die Veränderung der für den Steuerpflichtigen relevanten Preise entsteht. (Steuer verändert relative Preise, Verzerrung zum relativ billigeren Gut! ). Der excess burden kann also relativ zum Nutzenverlust bei einer Pauschalbesteuerung bei gleichem Steueraufkommen gemessen werden; die Pauschalsteuer selbst weist keinen excess burden auf, da sie den dafür ursächlichen Substitutionseffekt vermeidet (sie weist nur einen Einkommenseffekt auf um auf demselben Nutzenniveau zu verbleiben, muss das Individuum mehr verdienen). Auch die Annahme gleichen Steuerertrages ist sichergestellt.

 

Fall 3: Gegenwarts- und Zukunftskonsum

Wie beeinflusst eine Steuer (bei konstanter Freizeit) die Entscheidung zwischen

gegenwärtigem und zukünftigem Konsum?

 

A.) Allgemeine Konsumsteuer

--> ohne Steuer: C / C (1+r) = Konsum (heute) / Konsum (morgen)

= p-heute / p-morgen

— > mit Steuer : (1-t) C / (l+r)(l-t) C = Konsum (heute) / Konsum (morgen)

= P(l+t)heute / P(l+t)morgen

Fazit: Zwischen heutigem und morgigem Konsum wird durch die allgemeine Konsumbesteuerung keine Verzerrung verursacht!

 

B.) Einkommensteuer (als selektive Steuer)

--> mit Steuer (1-t) C / (l-t)C + (l-t)(l-t)rC

= (1-t) C / (1-t) (C + (1-t) rC)

C / (C + (1-t) rC)

Fazit: Die Umrechnung zeigt, dass die Entscheidung zwischen Gegenwarts- und Zukunftskonsum verzerrt wird; die Einkommensteuer spielt im Kalkül eine Rolle!

 

Fall 4: Einkommen und Freizeit

Im Falle einer Steuer auf die Lohn- bzw. Kapitaleinkünfte könnte Freizeit nicht erfasst werden. Damit hätte eine solche Steuer die gleiche Wirkung wie die einer selektiven Konsumsteuer (d.h. Drehung der Budgetgeraden). In Anlehnung an das obige Indifferenzkurvensystem würde es also zu einem Sprung kommen und somit zur Entstehung eines excess burden. Im dieses Ergebnis zu vermeiden, wäre es notwendig, die zu besteuernden Einkünfte so zu definieren, dass die Freizeit in die Bemessungsgrundlage mit einbezogen wird. Ideal, aber nicht praktikabel, da es schwierig sein wird, die potentiellen Einkünfte (anstelle der aktuellen) eines Steuerpflichtigen zu bestimmen. Freizeit ist als Bemessungsgrundlage problematisch, da.

  • lebensnotwendige Erholungszeit

  • Erfassungsprobleme

  • Bewertungsprobleme.

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11.2.1.3 Ergebnisse der Vergleiche

 

Steuerart/Verzerrung zw. Konsumgütern heute zw. Gegenw.-Zuk. Konsum zw. Einkommen & Freizeit
Allg. Konsumsteuer nein nein ja
Einkommensteuer nein ja ja
Pauschalsteuer nein nein nein

 

Fazit: Nur Pauschalsteuern bringen aus der Sicht der Wohlfahrtsökonomie ein optimales Ergebnis (Weitführung der Bemessungsgrundlage!).

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11.2.2 Modelle der optimalen Besteuerung ("second best")

Aus wohlfahrtsökonomischer Sicht wäre eine Pauschalsteuer, also eine Steuer, die auch die Freizeit miterfasst am besten, da es zu keinerlei Verzerrungen kommt und damit auch nicht zu Wohlfahrtskosten in Form des excess burden. Diese Lösung des "Erstbesten" ist jedoch unter Gerechtigkeitsaspekten (etwa Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit) nicht annehmbar.

Daher sollte man unter gleichermaßen gerechten Steuern diejenigen auswählen, die am effizientesten sind, d.h. die Mehrbelastung minimieren. Damit ist also die Lösung des "Zweitbesten" gefragt.

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11.2.2.1 Optimale Konsumbesteuerung (Besteuerung von Gebrauchsgütern)

1.) Staat hat Zugriff auf alle Güter (incl. Freizeit)

--> Annahmen:

E = Zeitaustattung ohne Schlaf; F = Freizeit

E-F = Arbeitszeit; w(E-F) = Einkommen

px = Preis des Gutes x; pz = Preis des Gutes z

w(E-F) = px x + pz z ("budget constramt")

--> Modell:

Ausgehend vom "budget constraint" folgt ...

->wE=px x + pz z + wF

... wenn der Staat nun alle Güter besteuert (t) folgt ...

-> wE = px x (1+t) + pz z (1+t) + wF (1+t)

-> 1 / (1+t) * wE = px x + pz z + wF

... man sieht, die Steuer ist neutral, da sie zu keinerlei Verzerrungen führt.

Es wäre also besser, Freizeit mit einzubeziehen:

--> Eine breite Steuer ist besser als eine selektive Steuer!

 

2.) Der Staat kann nur einige Güter besteuern (excl. Freizeit)

Welche Belastung mit Verbrauchssteuern bei verschiedenen Gütern soll jeweils gewählt werden, um die Wohlfahrtseinbußen zu minimieren ? (Frage nach der optimalen Mischung)

Eine Lösung bringt das folgende Optimierungsmodell:

Annahmen: - zwei gegenüber unabhängige Güter, d.h. keinerlei

Substitutionsmöglichkeiten zwischen den Gütern)

- vollkommene Preiselastizitäten

Ziel : Wohlfahrtsverluste durch Besteuerung -> min!

Model 1 : üx = 1/2 x px X tx2

Üz = 1/2 z pz Z tz2

L-ges = 1/2 x px x t.*2 + 1/2 z pz Z tz2 -> min !

Nebenbedingung: Steuerertrag E = px X tx + pz Z tz

Wie müssen nun tx, tz gewählt werden, um Ü zu minimieren ?

 

3.) Lagrange - Ansatz:

L = 1/2 y* px X tx2 + 1/2 yz pz Z tz2 + L (E - px X t* - pz z tz )

d L/d tx = vx px X tx - L px X = ü

d L/d tz = yz pz Z tz - L pz Z = 0

<=> l = yx tx = yz tz

<=> y x tx = y z tz

<=> tx/tz = yz/ yx

 

Es folgt als optimale Besteuerungsregel "die Regel der inversen Elastizität": Die optimalen Steuersätze sind umgekehrt proportional zu den entsprechenden Nachfrageelastizitäten festzusetzen. Güter mit geringster Elastizität sollten die höchsten Steuersätze erhalten und umgekehrt. Bei vollkommen unelastischer Nachfrage nach einem Gut sollte das gesamte Steueraufkommen aus der Belastung dieses Gutes erzielt werden (Überschussbelastung = 0). Die aus der Befolgung dieser Regel resultierende verteilungspolitische Problematik (Besteuerung etwa lebensnotwendiger Güter) ist offensichtlich.

Durch die Umformung obiger Regel erhält man die wohl bekannteste Regel der Theorie optimale Verbrauchsbesteuerung, die "RAMSEY-Regel" (allgemeiner Fall; Abkehr vom partialanalytischen Ansatz; Übergang zum allgemeinen Gleichgewichtsmodell; Mehr-Güter-Fall): Diejenigen Verbrauchsteuersätze sind optimal, deren relative gleiche Änderung auch eine relativ gleiche Senkung der Nachfrage nach den Gütern bewirkt, d.h. der excess burden wird minimal, wenn der relative Mengenrückgang durch die Besteuerung bei allen Gütern gleich ist;

<=> &x/x /&p*/px * &Px/px = iz/z /&PZ/PZ * &PZ/PZ

<=> &x/x = &z/z {"RAMSEY-Regel")

Eine weitere Regel, die jedoch eingeschränkter zu verwenden ist als die "RAMSEY - Regel" (nur Zwei-Güter-Fall) stellt auf die Freizeitkomplementarität ab: "CORLETT-HOGUE-Regel" (ausgehend von Kreuzpreiselastizitäten). Danach ist von zwei Gütern das relativ freizeitkomplementärere Gut relativ stärker zu besteuern. Eine Aussage, die auch mit der RAMSEY-Regel abgeleitet werden kann.

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11.2.2.2 Optimale Einkommensbesteuerung

Auch im Hinblick auf die Einkommensteuer kann man sich Gedanken darüber machen, wie ein optimaler Steuertarif aussehen könnte. Ein solcher hängt von einer Anzahl von Überlegungen ab:

  1. Verteilung der Einkommenserzielungsfähigkeit in der Bevölkerung

  2. Verhaltensmustern von Arbeitnehmern, aus denen hervorgeht, wie viel sie bei verschiedenen Nettolohnsätzen arbeiten werden

  3. Frage nach der gesellschaftlichen Wohlfahrtsfunktion (Aspekt der Umverteilung durch die Besteuerung; Bewertung von Verlusten und Gewinnen bei Steuerzahlern und Empfängern)

  4. Überschussbelastung

 

Ein Ergebnis könnte etwa die Forderung nach einem Grenzsteuersatz in Höhe von Null für die oberen Einkommensbezieher sein, damit diese bereit sind noch mehr zu arbeiten. Ein anderes könnte hingegen progressivere Besteuerung fordern, womit zwar die Mehrbelastung wieder größer wäre, jedoch Gerechtigkeitsaspekten mehr Rechnung getragen werden würde.

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11.3 Die Besteuerung im Steuerstaat (BRENNAN, BUCHANAN)

Die These eines gutwilligen, wohlwollenden und allwissenden Diktators wird nun fallen gelassen; ausgegangen wird daher nun von dem in der Leviathan - Hypothese implizierten Verhaltensmuster.

Hierbei werden die folgenden Annahmen getroffen:

  • Ausgabenmaximierende "Leviathan - Hypothese": Staat agiert als Einnahmen-Maximierer (und zwar Einnahmen aus Steuern)

  • Im Sozialkontrakt - Modell nach BRENNAN & BUCHANAN entscheiden die rationalen Wahlbürger in einem verfassungsgebenden Entscheidungsverfahren über die Güter, die besteuert werden sollen; Politiker müssen sich an diese Verfassung halten.

 

11.3.1 Steuerertragsmaximierung bei 1-Produktbesteuerung

  • Staat kann nur ein Gut besteuern und versucht die daraus resultierenden Einnahmen zu maximieren.

  • Der Staat agiert wie ein Monopolist (Preis - Bildung nach COURNOT); Steuerertrag maximal;

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11.3.2 Steuertragmaximierung bei Mehrproduktbesteuerung

Gleichseitige Hyperbel impliziert gleich große Rechtecke

=> gleicher Steuerertrag

(Tx = Tz )

Man sieht, dass der excess burden im Vergleich unterschiedlich groß ausfällt:

ÜMABC) > ÜZ(DFE) !

 

Folgendes könnte nun im politischen Prozess geschehen:

  1. Staat setzt den für ihn größten Steuerertrag fest (T -> max!)

  2. Finanzwissenschaftler empfiehlt Gut Z zu besteuern, da dort der excess burden im Vergleich kleiner ist.

  3. Daher wird in der Verfassung festgelegt, dass nur Z zur Besteuerung freigegeben wird; nun hat die Steuerbürokratie Handlungsmöglichkeiten, versucht die Einnahmen zu maximieren (auch hier Preisbildung nach COURNOT) mit dem Ergebnis, dass der excess burden noch größer wird.

  4. Sinnvoller wäre es also, nur Gut X zur Besteuerung freizugeben, da hier keine weiteren (als die bereits betrachteten) Handlungsalternativen mehr bestehen; Plädoyer für eine spezielle Verbrauchssteuer.

 

Der Public-Choice orientierte Ansatz kommt damit zu grundlegend anderen Ergebnissen:

--> Enge Definition der Besteuerungsbasis zwecks Beschränkung steuerlicher Zugriffsmöglichkeit; excess burden spielt keine Rolle, da er bei einem Einnahmen maximierenden Verhalten sowieso stets gleich 1/2 Steuerertrag ist; vollkommen elastische Besteuerungsbasis, um Steuervermeidung zu erleichtern.

--> Forderung einer speziellen Verbrauchssteuer!

Kritik an diesem Konzept haben WEST und CORK geübt (RAWL'sche Schleier der Ungewissheit).

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11.4 Natürliche Grenzen des Steuerstaates: Steuerhinterziehung, Schattenwirtschaft und Steuerflucht

1.) Von der Steuervermeidung zur Steuerhinterziehung

Steuervermeidung hat einen Substitutionseffekt; sie ist nur dort möglich, wo die Steuerbasis eng fundiert ist und nicht besteuerte Substitutionsgüter existieren (aus wohlfahrtsökonomischer Sicht etwas schlechtes, anders im Rahmen der Leviathan - Hypothese).

Steuerhinterziehung dagegen kann als Verheimlichung eines Steuertatbestandes definiert werden und hat einen Einkommenseffekt. Es kommt zu keiner Verzerrung (kein Substitutionseffekt), führt aber zu weniger Einnahmen seitens des Staates. Steuerhinterziehung ("tax evasion") als illegale Form der Steuervermeidung ("tax avoidance").

In diesem Zusammenhang ist der von A. B. LAFFER aufgedeckte Zusammenhang zwischen Steuersatz und den Steuereinnahmen in einer glockenförmig verlaufenden Kurve ("LAFFER- Kurve") zu nennen. Bei einem Steuersatz t von 0 % entstehen keine Steuereinnahmen; mit nun steigendem Steuersatz steigen auch die Steuereinnahmen E, wobei es jedoch zu negativen Einflüssen auf die Leistungsbereitschaft ("incentives to work") der Individuen kommt; bis zu einem kritischen Punkt, ab dem die Einnahmen absolut sinken; bei t = 100%. Schließlich würde ein Zustand entstehen, bei dem die Tauschwirtschaft (und damit Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung) an die Stelle der Geldwirtschaft treten würde.

Diesem Modell (basierend auf der Idee des "homo oeconomicus" ) kann angelastet werden ...

  • stark vereinfachte These, auch andere Determinanten

  • zu statisch

  • keine genaue Kenntnis über den Standpunkt, daher als Handlungsempfehlung unbrauchbar

  • mangelnde Vergleichbarkeit

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11.4.1 Das Kalkül der Steuerhinterziehung

Es soll abgeleitet werden, welche Faktoren für die Steuerhinterziehung eine Rolle spielen und wie die Individuen sich entscheiden werden:

--> Modell für Entscheidung unter Unsicherheit; Ziel sei es, das Einkommen zu maximieren (Portfolio - Theorie):

--> Modellbegriffe:

Yw = wahres Einkommen ; p = Wkt., entdeckt zu werden

Yd = deklariertes Einkommen ; (1-p) = ... nicht ...

T = Steuersatz ; S = Strafsteuer

t = Grenzsteuersatz (=c) ; s = GrenzstrafSteuersatz

—> Zielfunktion:

E(Y) = (1-p) * ( Y" - T(Yd) ) - p ( Y» - T(Yd) -S(Y'

> max !

--> Modell:

E./ Yd = (1-p) * (-t) + p(-t +s) = 0

mit t = T/ Yd, s = S/ Yd

<=> -t + pt + ps - pt = 0 ;

 

Von diesem Kalkül ausgehend können Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Optimal ist die Relation t = ps ! Formal ist damit S als einzige erklärende Variable ins Kalkül optimaler Steuerhinterziehung mit einzubeziehen; mit ps = Kosten der Steuerhinterziehung, t = Kosten der Ehrlichkeit !

<=> t = ps

- Yd

opt* yw -Yd

--> Kritik: zu einfach, da andere Determinanten wie

  • psychische Belastungen des Steuerbetruges,

  • Unterschiede in den Risikoneigungen,

  • Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Einkommenserzielungsmöglichkeiten vernachlässigt werden.

In einer weiteren Betrachtung kann man noch weitere Faktoren in Erwägung ziehen, die Steuerhinterziehung erst begünstigen:

  • hohe t, ungenaue Gesetze ("loopholes"), Komplexität, ungerecht es Steuersystem

  • Höhe der Strafe, Schwere bzw. Leichtigkeit der Hinterziehung

  • Identifikation mit dem Staat, Steuermoral, Ausmaß der Mitbestimmungsmöglichkeit, Ausgeliefertheit gegenüber der Regierung

  • Erwartungswert

 

Als ökonomische Folgen der Steuerhinterziehung wären zu nennen:

  • Allokationsprobleme in der offiziellen Wirtschaft

  • höhere Steuersätze (beachte aber auch LAFFER - Kurve)

  • zunehmende Reglementierung (siehe Schweden)

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11.4.2 Schattenwirtschaft und Steuerflucht

Schattenwirtschaft als Alternative zur Steuerhinterziehung; Übergang von der Geldwirtschaft zur Tauschwirtschaft: Leistungen, die auf dem "offiziellen" Markt erbracht werden, werden in den Bereich der illegalen Schattenwirtschaft (Schwarzarbeit) verlagert.

Erklärende (Exogene ) Variable - Schattenwirtschaft als endogene Größe - Indikatoren

--> Determinanten:

  • je höher Steuersatz t

  • "Steuerillusion"

  • Steuermoral

  • Größe der Bürokratie, Anzahl der Vorschriften

  • Höhe des Einkommens

  • Arbeitslosigkeit

     

--> Messungsmöglichkeiten:

  • Bruttosozialprodukt

  • Veränderung des Arbeitsangebotes (Zeit, Anzahl)

  • Erwerbsquote, Arbeitslosenquote

 

Rückschluss auf den obigen Zusammenhang lieferten statistische Verfahren (Regressionsanalyse, Trendrechnung etc.) nach WECK/ POMMEREHNE/ FREY (1971)

S 13%, B 12%, USA 8.3%, GB 8.0%, Dk 12%, I 11%, BRD 8.6%, Fi 7.6%

 

11.4.2.2 Steuerflucht 

Was ist nun Steuerflucht?

Man versucht sich der Besteuerung durch Wohnsitzwechsel ("Wohnsitzlandprinzip" im deutschen Steuerrecht) ins Ausland zu entziehen. Steuerflucht kann auf legalem Wege erfolgen (Grenzgängertum) oder illegal im Zusammenhang mit dem Tatbestand der Steuerhinterziehung. Eine mögliche Determinante ist hierbei die Höhe des Einkommens.

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11.4.3 Steuerstaat und Schattenwirtschaft in säkularer Sicht nach FREY/BECK

Die Schattenwirtschaft kann als Funktion des Steuerstaates aufgefasst werden. Ihrerseits hat die Schattenwirtschaft auch Einfluss auf den Steuerstaat. Nach FREY und BECK ist eine Einteilung in drei Sektoren angebracht:

  • Bürokratie

  • legale Wirtschaft

  • Schattenwirtschaft

 

Mit zunehmenden Steuersatz wird die Bürokratie ausgedehnt; gleichermaßen sinken die "incentives to work", was zum einen durch steigende Steuerbelastung, zum anderen durch Aufblähung des Steuerstaates verursacht wird; also eine Entwicklung zu Lasten der legalen Wirtschaft, zugunsten der Schattenwirtschaft; die Individuen werden ihre Transaktionen zunehmend in den illegalen Bereich verlagern, so dass langfristig der Staat verschwindet.

 

11.4.4 Abwanderung und Verfassung als Rahmen für die Beurteilung

So führt z.B. eine Beschränkung des Steuerstaates zum Ausweichen, d.h. zur Steuervermeidung.

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11.5 Literatur Besteuerung in den Finanzwissenschaften

  • G. BRENNAN, J. M. BUCHANAN: Besteuerung und Staatsgewalt

  • Hier finden Sie weiterführende Fachliteratur zur Finanzwissenschaft und Besteuerung.

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